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14.03.2025
Allgemein
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Niederstetterbach

Mitten durch Niederstetten fliesst ein Bach – und trotzdem ist von ihm nichts zu sehen. Eine Annäherung an den Niederstetterbach, der eigentlich auch ein Oberstetter-Bach ist.

Die ersten Schlüsselblümchen recken ihre Köpfe zum Himmel, ein frühlingshafter Duft von Bärlauch liegt in der Luft. Das Bachtobel zwischen Ober- und Niederstetten ist ein wild-romantischer Flecken.

Haben Sie sich auch schon gefragt, was die enge Kurve mitten im Dorf Niederstetten soll? Man sieht nicht immer alles, und trotzdem ist es da. So ergeht es auch dem Niederstetterbach mitten im Dorf. Einst trennte der Bach mit seinem tiefen Tobel das Dorf in zwei Teile. Er rauschte genau dort durchs Dorf, wo jetzt die prägende Kurve ist. Sie umkurvte einst das Tobel, welches in den 1970er Jahren aufgefüllt wurde. Der Bach ist heute tief unten in grossen Rohren. Das Tobel ist weg. Die Kurve blieb. Auch die Bezeichnungen «Vordertobel» und «Hintertobel» für die Dorfteile beidseits des Baches sind geblieben.

Gewusst?
Im Jahr 1850 zählte Niederstetten etwa doppelt so viele Einwohnerinnen und Einwohner wie heute. Damals wohnten im Dorf mehr Einwohnerinnen und Einwohner als im Dorf Henau. Dorfbrände in den Jahren 1883, 1895 und 1903 dürften die Entwicklung von Niederstetten empfindlich beeinflusst haben.

Der «Dori»
Und so fliesst der Niederstetterbach tief unten in eine grosse Röhre gezwängt mitten durchs Dorf. Präsent ist er trotzdem. Hans Fraefel aus Niederstetten dazu: «Seit Generationen machen es die Niederstetter Kinder: Mit Gummistiefeln und Taschenlampe ausgerüstet, waten sie im knöcheltiefen Dorfbach durch den Durchlass unter dem Bahndamm und dem aufgeschütteten Tobel. Es braucht schon eine gehörige Portion Mut, den niedrigen, dunklen und feuchten, mit Spinnweben verhangenen unterirdischen Gang zu betreten. Umso grösser ist dann die Erleichterung, wenn am Ende des Tunnels wieder das Licht aufscheint. Später wird stolz vom Abenteuer erzählt: «Wir haben den «Dori» durchquert.»

Vom Vogelsberg in die Röhre
Der Niederstetterbach ist einer der längsten Bäche in der Gemeinde. Nur: Zu sehen ist er kaum. Nicht nur im Dorf Niederstetten ist er in ein Rohr gezwängt. Doch der Reihe nach. Der Bach hat sein Quellgebiet im Vogelsbergwald, auf etwa 635 Meter über Meer. Dort ist er ein offener Bach. Um dann über fast zwei Kilometer zu verschwinden. Er durchquert eingedolt die ganze Landschaft vom Vogelsberg via Hespel bis Oberstetten, ist auch im Dorf Oberstetten kanalisiert. Er entwässert eine grosse Fläche in und um Oberstetten, um schliesslich nach dem Dorf im Bachtobel wieder an die Oberfläche zu treten. Dann führt sein Weg etwa über 300 Meter durch das wilde steile Tobel. Es ist geprägt von Hangrutschungen, Bäume liegen quer über dem Bach, der Bach muss sich seinen Lauf dort immer wieder suchen und hat sich eine bald unzugängliche Bachlandschaft geschaffen. Vor Niederstetten, oberhalb der Bahnlinie, verschwindet er wieder in den Untergrund, um schliesslich nach dem Dorf offen über die Thurebene Richtung Thur zu fliessen.

Töbetlibach
Zwischen Niederstetten und Henau entwässert mit dem Töbetlibach ein weiterer Bach die Landschaft in die Thur. Auch er ist weitgehend eingedolt. Nur im Wald ist er zu sehen. Zur Gegend um den Töbetlibach hat uns Hans Fraefel aus Niederstetten einen alten Zeitungsausschnitt überlassen, vermutlich erschien er in den 1970er Jahren im «Volksfreund». Die Geschichte ist aber schon viel älter. Wie verschiedene Bäche verdient auch sie, an die Oberfläche zurückzukehren. Sind doch Sagen und Geschichten über unsere Gegend nicht so dicht gesät. Schon um 1900 soll es in Niederstetten geheissen haben: «Seid artig, sonst kommt der Töbetligiiger!»

Der Töbetligiiger
Halbwegs zwischen Henau und Niederstetten, da wo die Waldzungen beidseitig bis zur Strasse langen, Töbetli genannt, stand vor vielen Jahren eine riesige Buche. Eben auf dieser Buche trieb der Töbetligiiger sein Unwesen, indem er pünktlich zur Geisterstunde mit seinem Spiel begann. Spiel konnte man dem zwar nicht sagen, denn was er hervorbrachte, war eher ein Stöhnen, ja ein schauriges Aechzen, so dass es dem Spätheimkehrer kalt über den Rücken lief. Gesehen hat man ihn nie, den Töbetligiiger, und man vermutete, dass da eine arme Seele keine Ruhe fand. Wer weiss, vielleicht hat er zu Lebzeiten allerhand angestellt, etwa dem Nachbar im Wagenschopf den Lung aus der Radachse gezogen, damit er beim Wegfahren ein Rad verlor, oder Marksteine versetzt, oder Wasser in die Milch geschüttet? Man weiss es nicht, aber seine klagenden Laute hörte man; und wer diese Stelle zu später Stunde passieren musste, brauchte noch einen tüchtigen Schluck, ja, um sich etwas Mut anzutrinken, und dennoch ging jeder eiligen Schrittes an diesem unheimlichen Ort vorbei, oft noch rückwärtsschauend.

Jetzt hört man ihn nicht mehr. Der alte Tannenhofbauer hat die Buche gefällt, weil er im Winter einen warmen Ofen haben wollte. Auch hat die arme Seele offenbar endlich Ruhe gefunden. Ob es wirklich der Töbetligiiger war, oder ob sich zwei Äste aneinander scheuerten und diese gfürchigen Töne hervorbrachten, man weiss es nicht. Aber die Geschichte muss trotz allem wahr sein, denn das mit dem tüchtigen Schluck ist bis auf den heutigen Tag geblieben. | Jakob Maag, Niederstetten